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Warum Vorsorge für Frauen ab etwa 35 Jahren relevant wird
Viele Erkrankungen, die Frauen später stark belasten, beginnen lange bevor erste Symptome auftreten. Brustkrebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Darmkrebs entwickeln sich meist über Jahre, häufig unbemerkt. Genau deshalb gewinnt Vorsorge ab etwa dem 35. Lebensjahr an Bedeutung: nicht, weil Krankheit wahrscheinlich ist, sondern weil sich frühe, relevante Veränderungen in dieser Phase erstmals zuverlässig erfassen lassen.
Ein zentraler Hintergrund ist dabei die Rolle der weiblichen Hormone – insbesondere des Östrogens. Östrogen wirkt im Körper nicht nur auf Zyklus und Fruchtbarkeit, sondern hat eine breit schützende Funktion: Es unterstützt die Gefäßelastizität, wirkt günstig auf den Fettstoffwechsel, beeinflusst den Glukosehaushalt, schützt Knochen und Muskulatur und moduliert entzündliche Prozesse. Solange diese hormonellen Schutzmechanismen stabil wirken, können sich Risiken lange kompensieren.
Ab Mitte 30 beginnen diese Schutzwirkungen bei vielen Frauen jedoch langsam zu variieren – lange bevor klassische Wechseljahressymptome auftreten. Diese Veränderungen verlaufen schleichend und bleiben meist unbemerkt, können aber dazu führen, dass sich Risikoprofile für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Osteoporose oder bestimmte Krebserkrankungen allmählich verschieben. Vorsorge setzt genau hier an: Sie macht sichtbar, was der Körper nicht signalisiert.
Vorsorge bedeutet dabei nicht, krank zu sein oder nach Problemen zu suchen. Sie dient dazu, biologische Prozesse zu beobachten, bevor sie klinisch relevant werden. Screeningprogramme sind genau dafür entwickelt worden: Erkrankungen in einem Stadium zu erkennen, in dem sie gut behandelbar sind und langfristige Schäden vermieden werden können.
Ein häufiger Denkfehler ist: Wenn ich mich gesund fühle, brauche ich keine Vorsorge. Medizinisch gilt jedoch das Gegenteil. Viele relevante Erkrankungen verursachen über lange Zeit keine Symptome – insbesondere dann, wenn hormonelle Schutzmechanismen nachlassen, ohne dass dies unmittelbar spürbar ist.
Was man unter Vorsorgeuntersuchungen und Screening versteht
Vorsorgeuntersuchungen richten sich an Menschen ohne Beschwerden. Ihr Ziel ist es, Risiken frühzeitig zu erkennen, nicht Krankheiten zu therapieren. Screeningprogramme sind standardisierte Untersuchungen für definierte Altersgruppen, deren Nutzen wissenschaftlich belegt ist – etwa durch eine Senkung der krankheitsspezifischen Sterblichkeit oder durch das frühere Erkennen behandelbarer Stadien.
Nicht jede Untersuchung ist für jede Frau sinnvoll. Alter, familiäre Vorbelastung und individuelle Risikofaktoren spielen eine Rolle. Dennoch gibt es Screeningmaßnahmen, die für Frauen ab etwa 35 Jahren medizinisch besonders relevant sind.
Brustkrebs – die häufigste Krebserkrankung bei Frauen
Brustkrebs ist die Krebserkrankung mit der höchsten Inzidenz bei Frauen. Das Risiko steigt mit zunehmendem Alter kontinuierlich an. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse von Kohortenstudien zeigt, dass die Teilnahme am Mammographie-Screening mit einer Reduktion der brustkrebsspezifischen Mortalität assoziiert ist (1). Der Nutzen ergibt sich vor allem daraus, dass Tumoren früher erkannt werden, häufig in Stadien mit besseren Therapieoptionen und günstigerer Prognose.
In Deutschland beginnt das organisierte Mammographie-Screening ab dem 50. Lebensjahr und wurde schrittweise bis zum 75. Lebensjahr ausgeweitet. Frauen mit familiärer Belastung oder genetischem Risiko benötigen häufig eine frühere und individuell angepasste Vorsorge. Trotz der flächendeckenden Einladung aller berechtigten Frauen nimmt nur etwa die Hälfte der eingeladenen Frauen am Mammographie-Screening teil; Quoten liegen je nach Auswertung um 50–55 % und damit deutlich unter den von der WHO empfohlenen ≥ 70 % zur effektiven Senkung der Brustkrebssterblichkeit (gemessen an Einladungs- bzw. Teilnahmequoten) (Daten aus Auswertungen des Mammographie-Screening-Programms in Deutschland)
Wichtig ist eine realistische Einordnung: Screening verhindert nicht den Ausbruch oder das Auftreten einer Krebserkrankung. Es erhöht jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass ein Tumor früh erkannt wird – und genau das beeinflusst Therapieintensität, Prognose und Lebensqualität erheblich.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen – weiterhin die häufigste Todesursache
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind weiterhin die häufigste Todesursache bei Frauen. Sie werden häufig unterschätzt, auch weil Symptome bei Frauen oft weniger typisch sind als bei Männern. Bereits ab Mitte 30 beginnen sich bei vielen Frauen Blutdruck, Fettstoffwechsel und Insulinsensitivität langsam zu verändern – meist unbemerkt. Diese Prozesse verlaufen schleichend, sind aber entscheidend für das langfristige Risiko von Herzinfarkt und Schlaganfall.
Kardiovaskuläre Vorsorge zielt deshalb nicht auf eine einzelne Messung, sondern auf das frühzeitige Erkennen von Risikokonstellationen, die sich über Jahre entwickeln und gut beeinflussbar sind.
Welche Vorsorge übernimmt die gesetzliche Krankenkasse – und wie läuft sie ab?
Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen in Deutschland eine Reihe evidenzbasierter Vorsorgeuntersuchungen. Dazu gehört der allgemeine Gesundheits-Check-up ab 35 Jahren alle drei Jahre, bei dem unter anderem Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin bestimmt werden. Ergänzend wird ab 35 Jahren alle zwei Jahre ein Hautkrebs-Screening angeboten.
Für die Krebsfrüherkennung sind vor allem drei Bereiche relevant: Gebärmutterhals, Brust und Darm. Der Pap-Abstrich zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs beginnt ab dem 20. Lebensjahr. Ab 35 Jahren wird er mit einem HPV-Test kombiniert und alle drei Jahre durchgeführt. Hintergrund ist, dass persistierende Hochrisiko-HPV-Infektionen die notwendige Ursache für nahezu alle Zervixkarzinome darstellen und durch HPV-basierte Teststrategien früher erkannt werden als durch Zytologie allein (3).
Das organisierte Mammographie-Screening zur Früherkennung von Brustkrebs beginnt ab dem 50. Lebensjahr und wird im Zweijahresrhythmus durchgeführt. Anspruchsberechtigte Frauen werden hierfür regelmäßig schriftlich eingeladen. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse zeigt, dass die Teilnahme am Mammographie-Screening mit einer Reduktion der brustkrebsspezifischen Mortalität assoziiert ist (1).
Auch die Darmkrebsvorsorge ist als organisiertes Screening angelegt. Seit 2025 gilt für Frauen und Männer ein einheitlicher Anspruch. Ab dem 50. Lebensjahr kann zwischen einer Darmspiegelung (Koloskopie) und einem immunologischen Stuhltest gewählt werden. Die Koloskopie kann maximal zweimal im Abstand von zehn Jahren durchgeführt werden und ermöglicht bei unauffälligem Befund über diesen Zeitraum ein hohes Maß an Sicherheit, da Krebsvorstufen erkannt und entfernt werden können. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit zeigt, dass Darmkrebs-Screening mit einer signifikanten Reduktion der darmkrebsspezifischen Mortalität verbunden ist (2). Die aktuelle Altersgrenze basiert auf dem Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses aus dem Jahr 2025 (4).
Nicht alle medizinisch relevanten Vorsorgeuntersuchungen sind Bestandteil der gesetzlichen Programme. Ein Beispiel ist die Osteoporose. Obwohl diese Erkrankung insbesondere bei Frauen häufig ist, wird ein Screening mittels Knochendichtemessung (DEXA-Scan) von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nur in Ausnahmefällen übernommen, etwa bei bereits aufgetretenen Frakturen ohne adäquates Trauma oder bei bestimmten Grunderkrankungen.
Gerade bei Frauen kann sich das Osteoporoserisiko schleichend erhöhen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Rückgang des Hormons Östrogen, zu wenig muskel- und knochenbelastender Bewegung, nicht optimaler Ernährung und niedrigen Vitamin-D-Spiegeln. In solchen Situationen kann es sinnvoll sein, individuell genauer hinzuschauen – etwa durch eine Vitamin-D-Bestimmung im Blut oder eine Knochendichtemessung mittels DEXA-Scan, auch wenn diese gegebenenfalls selbst bezahlt werden muss.
Was kann ich darüber hinaus selbst tun?
Nicht alle medizinisch sinnvollen Untersuchungen sind Bestandteil der gesetzlichen Vorsorgeprogramme. Ein Beispiel dafür ist die Osteoporose.
Obwohl Osteoporose insbesondere bei Frauen häufig vorkommt und das Risiko mit zunehmendem Alter deutlich steigt, wird ein Screening mittels Knochendichtemessung (DEXA-Scan) von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht übernommen. Eine Kostenübernahme erfolgt meist nur in Ausnahmefällen, etwa bei bereits erlittenen Knochenbrüchen ohne adäquates Trauma, bei bestimmten Grunderkrankungen oder unter langfristiger Einnahme knochenschädigender Medikamente.
Gerade für Frauen ist das relevant, da sich das Osteoporoserisiko häufig schleichend entwickelt. In den Wechseljahren verstärken mehrere Faktoren diesen Prozess gleichzeitig: der Rückgang des Hormons Östrogen, zu wenig muskel- und knochenbelastende Bewegung, eine nicht optimale Calcium- und Proteinzufuhr sowie niedrige Vitamin-D-Spiegel. Diese Kombination kann über Jahre unbemerkt zu einem relevanten Knochenverlust führen.
Deshalb kann es sinnvoll sein, individuell genauer hinzuschauen. Eine Bestimmung des Vitamin-D-Spiegels im Blut oder eine Knochendichtemessung mittels DEXA-Scan kann – je nach persönlichem Risiko – eine hilfreiche Entscheidungsgrundlage sein, auch wenn diese Untersuchungen gegebenenfalls selbst bezahlt werden müssen. Entscheidend ist nicht, jede Untersuchung routinemäßig durchzuführen, sondern Risiken realistisch einzuschätzen und gezielt dort genauer hinzusehen, wo es medizinisch sinnvoll erscheint.
Warum Screening wichtig ist – auch ohne Symptome
Ein zentrales Missverständnis ist die Annahme, dass Nicht-Teilnahme an Vorsorge gleichbedeutend mit Nicht-Vorhandensein von Krankheit ist. Medizinisch ist das nicht haltbar. Viele relevante Erkrankungen verursachen über Jahre keine Symptome – gerade in frühen Stadien, in denen sie am besten behandelbar wären.
Früh erkannt bedeutet häufig weniger invasive Therapien, bessere Heilungschancen und geringere Belastung. Spät erkannt bedeutet oft komplexere Behandlungen und schlechtere Prognosen. Screening ist kein Garant – aber eines der wirksamsten Instrumente der modernen Präventionsmedizin.
Hol dir Unterstützung, die zu dir passt
Vorsorge und Screening sind keine starren Programme, sondern Angebote. Welche Untersuchungen sinnvoll sind, hängt von Alter, familiärer Vorbelastung, persönlichem Risiko und auch davon ab, wie sicher und gut informiert man sich fühlt. Nicht jede Entscheidung muss sofort getroffen werden – wichtig ist, dass sie bewusst und gut eingeordnet erfolgt.
Manchmal reicht es, sich einen Überblick zu verschaffen und bestehende Angebote wahrzunehmen. Manchmal hilft ein klärendes Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt, um Unsicherheiten einzuordnen oder individuelle Risiken besser zu verstehen. Und manchmal ist eine gezielte fachliche Begleitung sinnvoll, etwa bei familiärer Belastung oder widersprüchlichen Befunden.
Entscheidend ist, dass Vorsorge zu deiner Lebensrealität passt und dich stärkt – nicht verunsichert. Gute Prävention bedeutet nicht, alles zu kontrollieren, sondern informierte Entscheidungen zu treffen und Unterstützung dort anzunehmen, wo sie hilfreich ist.
Literatur
(1) Autier P, Juhl Jørgensen K, Smans M, Støvring H.Effect of screening mammography on the risk of breast cancer deaths and of all-cause deaths: a systematic review with meta-analysis of cohort studies. 2024.
(2) Zheng S, Schrijvers JJA, Greuter MJW, Kats-Ugurlu G, Lu W, de Bock GH.Effectiveness of Colorectal Cancer (CRC) Screening on All-Cause and CRC-Specific Mortality Reduction: A Systematic Review and Meta-Analysis. Cancers (Basel). 2023;15(7):1948. doi:10.3390/cancers15071948
(3) Jung L, Klamminger GG, Nigdelis MP, Eltze E.Impact of HPV Testing Based on the 2020 Update of the German Cervical Cancer Screening Program. Cancers (Basel). 2025;17(12):2024. doi:10.3390/cancers17122024
(4) Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA).Darmkrebsvorsorge wird einfacher: Gleiches Angebot für Frauen und Männer ab 50 Jahren. Beschluss vom 16.01.2025.